Positionspapier für realistische und gerechte Arbeitsbedingungen im „Mittelstand der Sozialforschung“

München, Frühjahr 2019

Dieses Positionspapier ist von der Unabhängigen Sozialforschung München(USM) initiiert, einem Netzwerk von unabhängigen und wirtschaftlich selbstständigen sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Beratungseinrichtungen in München. Es richtet sich zunächst an weitere Instituteund dann an potentielle Auftraggeber*innen. 

Als unabhängige Forschungsinstitute ist unsere tägliche Arbeit geprägt von einem sehr notwendigen vierten Weg in der Forschungslandschaft: Wir sind…

1.) weder Teil einer, noch angebunden an eine Universität/ Hochschule (An-Institute), 

2.) nicht (umfänglich) mit staatlichen Mitteln grundfinanziert und 

3.) nicht kommerziell bzw. gewinnorientiert tätig. 

Obwohl sich zahlreiche und auch sehr renommierte Forschungsinstitute der unabhängigen Sozialforschung zuordnen lassen, ist die Wissenschafts- und Förderlandschaft nicht auf diese Form der Forschung und Praxis ausgerichtet. Im Gegenteil, sie wird als Fremdkörper vor große Probleme gestellt: 

  • Die Vergabe-, Dokumentations- und Abrechnungsmodalitäten der Forschungsförderung und von öffentlichen Aufträgen sind nicht auf unabhängige Institute ausgerichtet. 
  • Die Finanzierungsberechnungen berücksichtigen i.d.R. nicht die aus der Unabhängigkeit begründeten besonderen strukturellen Herausforderungen der Institute. 
  • In der Wissenschaft und bei Auftraggebern werden außeruniversitäre wissenschaftliche Fachkarrieren wenig anerkannt (insbesondere DFG). 

Ein zentraler Schalthebel sind die aktuell benachteiligenden Finanzierungsregeln der Förderlandschaft: So werden zum Beispiel in BMBF Projekten Universitäten/ Hochschulen (die bereits über eine öffentlich finanzierte Grundinfrastruktur verfügen) mit 100 % (der Projektausgaben) zuzüglich 20 % Pauschale finanziert und selbst Unternehmen können in den Projektkosten Gemeinkosten veranschlagen, während die unabhängigen Institute lediglich mit einer 100 % Förderung der direkten Projektausgaben keine Möglichkeit haben, ihre Grundkosten, Akquisezeiten, Qualifizierung etc. zu refinanzieren. Damit ist die finanzielle Existenzgrundlage der vielfältigen unabhängigen Forschungsinstitute und ihr qualitativ hochwertiger Beitrag als Mittelstand in der Forschungslandschaft permanent gefährdet. 

Trotz dieser Umstände treibt uns die Überzeugung an, dass Sozialwissenschaft und ihre praxisorientierte Anwendung im Bewusstsein gesellschaftlicher Verantwortung stattfinden und einen Beitrag zu wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit leisten sollten.

Wir sind wissenschaftlich und finanziell unabhängig, aber parteiisch für ein konstruktives gesellschaftliches Zusammenleben mit ausgewogenen, gerechten Teilhabechancen in unserer Gesellschaft. 

Wir zeichnen uns aus durch:

  • die exzellente Verbindung von wissenschaftlich hochwertiger Arbeit mit unmittelbarem Praxisdialog,
  • hohe Innovationskraft – basierend auf fachlicher Expertise und auf unmittelbarem Zugang zu aktuellen Problemen der Gesellschaft,
  • die Fähigkeit, dank überschaubarer Strukturen und kollegialer Vernetzung kreativ und flexibel Lösungen zu schaffen,
  • hohes Engagement, originelle Impulse und Ansätze jenseits des Mainstream im Rahmen von qualitätsvollen Arbeitsplätzen,
  • dauerhafte Beschäftigung wissenschaftlicher Fachkräfte,
  • die Ermöglichung von planbaren wissenschaftlichen Fachkarrieren (mit und ohne Dr.- oder Prof.-Titeln), 
  • Vielfalt in Bezug auf Beteiligte, Ansätze und Methoden,
  • Selbstverpflichtung auf fachliche Qualität, wissenschaftliche und ethische Standards, Ganzheitlichkeit, Nachhaltigkeit, emanzipatorisches, Ressourcen- und Empowerment-orientiertes Handeln, 
  • partizipative, dialogische und Eigenmacht stärkende Kooperationen. 

Um wettbewerbsfähig, selbsttragend und innovativ zu bleiben und damit weiterhin vielfältige Beiträge zu Forschung, Kultur, Gesellschaft, der Ausbildung von Wissenschaftlicher*innen und zu lokaler Wirtschaft leisten zu können, benötigen wir gerechte Ausgangs- und Wettbewerbs­bedingungen. 

Deshalb fordern wir: 

  • eine Berücksichtigung der Charakteristika unabhängiger Sozialforschungseinrichtungen in der Forschungsförderung (vgl. z.B. die spezifischen Förderinitiativen für Hochschulen für angewandte Wissenschaften),
  • eine angemessene, gerechte Bezahlung für unsere Forschungs-, Beratungs- und Gestaltungsleistung, z.B. in Form von Gemeinkosten-/ Projektpauschalen zur Finanzierung von Infrastruktur, Akquisitionskosten und Qualifizierung bzw. Zeit, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu systematisieren und in die (internationale) akademische Landschaft zurückzuspielen, 
  • das Mitspracherecht der unabhängigen Sozialforschungseinrichtungen in den Gremien der Forschungsförderung,
  • eine Reduzierung der Bürokratisierung und der Verwaltungstätigkeiten, sodass mehr Zeit und Kreativität für die eigentliche Arbeit verbleiben.


Sie wollen sich unserer Initiative anschließen?

Falls Sie sich diesen Forderungen anschließen und an einer weiteren Vernetzung zwischen den adressierten Instituten interessiert sind, schicken Sie bitte eine formlose Mail mit Ihren Kontaktdaten an: usm@sozialforschung-muenchen.de

„Wir unterstützen das Positionspapier für realistische und gerechte Arbeitsbedingungen im „Mittelstand der Sozialforschung“ und die darin enthaltenen Punkte umfänglich. Wir sind an einer weiteren Vernetzung und Information in diesem Zusammenhang (z.B. Einladung zu einer ersten Vernetzungsveranstaltung in 2019) interessiert und stimmen einer entsprechenden Speicherung und Verwendung unserer Kontaktdaten bis auf Widerruf zu.“ 

Falls Sie weitere unabhängige Sozialforschungsinstitute kennen, die an einer solchen Vernetzung interessiert sein könnten, leiten Sie das Positionspapier bitte weiter. 

Herzlichen Dank und mit besten Grüßen
USM – Unabhängige Sozialforschung München